Der Banksy von Zürich
Wir lüften das Geheimnis, wie die Wörter auf den Bally-Kugeln entstehen. Zu Besuch bei «Mister Bally».
Lara Alina Hofer
Heute lerne ich ihn endlich kennen. Den Mann, der seit fünf Jahren unwissentlich über mein Leben bestimmt: Mr. Bally. Um ihm gegenüberzutreten, trage ich violette Flipflop, abgeblätterten rosaroten Nagellack, kurze Adidas-Trainerhosen und ein grün-gestreiftes, übergrosses T-Shirt mit Lippenstiftabdrücken. Am Rücken agiert der Schweiss als Kleber zwischen Haut und Stoff. Wenn ich reiche Leute treffe, sehe ich am liebsten wie ein armer Schlucker aus. Ich zeige mich demütig, aber strotze innerlich vor Überlegenheit.
Ich fahre mit dem Tram raus, bis Wollishofen. Andere gehen an den See, ich gehe zu ihm, der schon auf mich wartet. Mit dem Lift tuckere ich hoch zur Rezeption. In den klimatisierten Räumen von PSP Swiss Property erwartet mich eine Aussicht auf den Zürisee, von oben herab. Alles riecht nach Besitz, Geld und Innovation. PSP Swiss Property ist Eigentümer diverser Liegenschaften in Zürich und der Schweiz, immer an bester Lage. Auch das historische Zara-Gebäude an der Bahnhofstrasse gehört dem Unternehmen – und somit auch die Bally-Kugeln: fünf leuchtende Kugeln am ehemaligen Bally-Haus. Liegenschaftsvertreter ist C*. Er bestimmt, welches Wort täglich in Grossbuchstaben über die Stadt Zürich leuchtet.
C. sitzt mir jetzt gegenüber, zwischen uns dampft der Kaffee. Er trägt Anzug und ein Lächeln. C. arbeitet seit 19 Jahren für PSP, er ist gelernter Architekt. Er ist sympathisch, weiss viel, erzählt gerne. Er nimmt sich Zeit, dreht sie zurück. «Das Bally-Haus wurde 1968 gebaut. Unten war das Geschäft, obenarbeiteten die Schuhmacher», sagt er. Doch: «Das Haus war zu gross für Bally.» Die Marke zog aus, wechselte Standort. Das Haus stand leer, PSP schnappte zu – und so auch C. Der liess das Haus sanieren, aufwerten, und fand als Nachmieter die Kleidermarke Zara. Das einzige Problem: «Aussen am Haus hingen noch diese Kugeln. BALLY, stand darauf.» Zara gefiel das gar nicht, sie wollten die Kugeln weghaben. Auch Bally gefiel das nicht, sie fanden es irreführend. Auch C. gefiel das nicht, weil Zara als Mieter abspringen könnte, wenn an ihrem Laden BALLY steht. Einzig und allein der Stadt Zürich gefiel es – und zwar so sehr, dass sie die Kugeln kurzum unter Denkmalschutz stellt! Die Kugeln müssen also bleiben – und C. kreativ werden.
Was, wenn wir die Beschriftung ändern, ZARA schreiben? Noup! Das Reklamegesetz hat sich geändert und verbietet jetzt Werbung an hohen Fassaden.
Eine knifflige Situation. Die Kugeln müssen bleiben, Werbung darf nicht stehen, Bally auch nicht – was also tun? Sollen wir etwa … Kunst machen? Zur selben Zeit lernt C. Hans Grüninger kennen, Schriftsetzer und Signaletiker, tätig bei der WBG AG für Visuelle Kommunikation. Und der entwickelt schliesslich die Bally-Kugeln in ihrer heutigen Form: Ein digitales Kunstwerk in den originalen Hüllen der Kugeln. Mit roten Lichtpunkten, 5x7, damit alle Buchstaben von A bis Z sowie die Zahlen von 0 bis 9 geformt werden können. So kann das Wort täglich wechseln. Die Lichtstärke wird getestet. Der Strom von Zara abgezapft. Technische Störungen behoben. Ein Probe-Buchstaben wird aufgehängt – C –, die Wirkung wird getestet.
FRUST ist nicht erlaubt
Dann, am 16. Januar 2015 leuchtet das erste Wort über die Bahnhofstrasse: START. Die grosse Frage, die sich C. und Grüninger nun stellen: Welche Wörter wollen wir fortan dort ausstrahlen? Die Herren setzen sich zusammen bei Wein und Dinner und erstellen gemeinsam eine Liste von rund 400 Wörtern. «Wir wählten Wörter, die zum Denken oder Schmunzeln anregen. Nichts Langweiliges», sagt C. Zudem muss jedes Wort den Regeln der Stadt Zürich entsprechen. (siehe Böxli auf Seite 2). «Wir mussten freundliche Wörter wählen. FRUST war zum Beispiel nicht erlaubt.»
Dann lüftet C. erstmals das grosse Geheimnis, wer die Wörter täglich auswählt. Ich traue meinen Augen nicht. Er zückt sein Handy. Die Macht liegt in seiner Hosentasche. Er öffnet eine App. «Bally Kugeln», heisst sie. Eine eigens für die Kugeln entwickelte Plattform. Darin kann C. sehen, welches Wort gerade angezeigt wird, und welches am nächsten Tag folgen wird. «Ein programmierter Algorithmus wählt jeden Tag zufällig ein Wort aus unserem Pool von rund 400 Wörtern aus.» Aber C. hat die Oberhand. Er kann jederzeit eingreifen und das Wort beliebig ändern. Die Macht liegt in seinen Händen. Ein Knopfdruck entfernt. Zu besonderen Tagen nutzt C. diese Macht. Er schreibt BOEGG zum Sechseläuten, WOMEN am Frauenstreik, LOVER am Taylor-Swift-Konzert. Manchmal inspiriert ihn sein Sohn mit Jugendwörtern, er schreibt DIGGA. Persönliche Wünsche darf er aber grundsätzlich nicht erfüllen.
C. und Grüninger setzten sich fortan jedes Jahr ein Mal zum Dinner zusammen, um die Wörterliste zu überarbeiten – bis zum Tod von Grüninger. Seither trifft sich C. mit dessen drei hinterbliebenen Töchtern. Sie bestimmen jetzt mit, was auf den Kugelnsteht. «Seither werden auch jüngere, modernere Wörter gezeigt, sowie feministische oder rätoromanische Begriffe», sagt C.
Kompromisse sind gefragt
Es ist jetzt ein Aushandeln über Generationen. Alter weisser Mann trifft drei junge Kulturschaffende. Es geht jetzt um Kompromisse. Politik. Macht. Verantwortung. Ja, Sprache ist mächtig. Sie schafft Realitäten. Wörter werden von der Liste gestrichen, andere bleiben, neue werden hinzugefügt. «Liebe, Lover und Amore sind Dauerbrenner», sagt C. Ja, die Liebe überdauert schlussendlich alles.
Heute steht IMMER, wie ich auf der App sehe. Das gefällt mir. Dieses Ewige. Gestern stand STORE. Das war mir zu kapitalistisch. «Ich hätte lieber STORY gehabt», sage ich. C. lacht. «Soll ich es jetzt schreiben? Willst du ein Wort aussuchen?» Und plötzlich trage ich diese Verantwortung. Es ist ein Gefühl der Ermächtigung. Was ich schreibe, wird in ein paar Sekunden ganz Zürich sehen. Am liebsten hätte ich deinen Namen geschrieben. Ein Liebesgeständnis über die Bahnhofstrasse. Aber der hat nicht fünf Buchstaben. Stattdessen wähle ich: TIAMO.
C. drückt Enter. Ich lächle. Vielleicht werde ich es später fotografieren und dir schicken. «Morgen wird dann Kebab stehen», unterbricht C. meine Gedanken. «Echt? Das gefällt mir nicht», sage ich. «Ich kann doch nicht sagen: Ti Amo, Kebab.» C. lacht. «Was soll ich denn sonst schreiben?» Ich denke nach. Grinse ihn an. «Überrasch mich.»
C* ist das Synonym für «Mister Bally», jene Person, die für die Wörter verantwortlich ist. Er möchte anonym bleiben, weil er nur hier im Altstadt-Kurier Auskunft gibt darüber, wie die Wörter entstehen.
