Weltblatt für den
Kreis 1


Hundert Jahre Dada
Bevor Dada da war war Dada da



Der Geburtsort ist klar: Spiegelgasse 1, mittendrin im Dorf. Im Cabaret Voltaire, im Obergeschoss der holländischen Meierei in der Künstlerkneipe Voltaire. Dort fand am 5. Februar 1916 die erste Dada-Soirée statt. Bekannt sind fünf ­Väter und zwei Mütter. Der hundertste Dada-Geburtstag soll an 165 Feiertagen gefeiert werden.

Zürich, 1973: In seiner süffigen «Café-Odeon»-Chronik präsentierte der Journalist Curt Riess (1902-1993) damals rückblickend als sporadische Stammgäste «einige Herren und Damen, die die verschiedensten Berufe haben, wenn auch im Augenblick nur theo­retisch, weil sie sie nicht aus­üben können. Sie sind fast alle Emigranten. Sie haben eines gemeinsam: sie sind mit der Zeit, in der sie leben, höchst unzufrieden.»
Das waren: der Elsässer Hans Arp, Bildhauer und Dichter, seine Schweizer Freundin Sophie Taeuber, der russische Dichter Tristan Tzara, der deutsche Schriftsteller und Pianist Hugo Ball und ­seine Partnerin Emmy Hennings. Die deutsche Diseuse, die aussah «wie ein verhungertes Proletarierkind», hatte ihren ersten Auftritt in der Schweiz am 2. Juni 1915 im (ehemaligen) Grand Café des Banques an der Bahnhofstrasse 70.
Auch Ball war angetan: «Das Café des Banques hat eine saftige Kapelle. Die Primgeige stammt aus Moabit, das Cello aus Lyon. Der Flügelmann ist Mexikaner.»
Dort verkehrten der noch unbekannte Friedrich Glauser, der den Wachtmeis­ter Studer erfand, der Mopp genannte Wiener Maler Max Oppenheimer, der damalige Bestseller-Autor Jakob Chris­toph Heer («Der König der Ber­nina») aus Winterthur, die drei Zürcher Maler Ernst, Eduard und Max Gubler aus dem Kreis 4…

2016 wird gefeiert
Rückblickend ist Dada eine in Zürich entstandene, wichtige internationale Kulturbewegung geworden. Damals jedoch war Zürich, schrieb Richard Huelsenbeck in der «Weltbühne», «ein Brennpunkt kritischer Energien, ein Zentrum revolutionärer Temperamente. Wer Zürich erreichte, hatte sich aus dem Blut-Ozean, wenn auch nur für kurze Zeit, gerettet. Hier war eine Urlaub-vor-dem-Tode-Stimmung, eine Ausgelassenheit, die sich mit Melancholie verband… Emmy Hennings wurde die Seele des Cabarets, ihre Couplets retteten uns vor dem Hungertode.» Hugo Ball, der jene Zeit in «Flametti oder Vom Dandysmus der Armen» rekapitulierte – ein kleines Meisterwerk –, fasste die Lage in einem Gespräch mit der spitzzüngigen Claire Goll knapp zusammen: «Ich brauche etwas Ironie, um das Leben auszuhalten, und mehr noch, um meine Zeit zu ertragen.» Im Theater Stok wird Flametti aufgeführt werden, Première ist am 11. Februar 2016.
Für das Dada-Jubiläum sind Ausstellungen, Events, Performances, Aktionen und sogar eine A-Post-Marke geplant. Es wurde eigens ein Trägerverein gegründet, den alt-Regierungsrat Markus Notter präsidiert. Direktor des Dada-Jubiläums ist Juri Steiner, Direktor des Cabaret Voltaire Adrian Notz.
Im Arp-Museum im Bahnhof Rolandseck in Remagen bei Bonn wird in der Ausstellung «Genese Dada» (14. Feb­ruar bis 5. Juni 2016) der vermeintliche Widerspruch zwischen dem zwielichtigen Cabaret Voltaire und der ehemaligen Dada-Galerie im Sprüng­li-Haus am Paradeplatz, wo die Bourgeoisie von Zürich verkehrte, aufgezeigt und verhandelt. Für die noble Galerie hatte Emmy Hennings-Ball die Stühle gestiftet, die sie kunterbunt beizte: «…aber dieses löbliche Tun bekam mir schlecht, weil gleich bei der ersten Soirée die zarten Kleider der Damen sich an ihnen abfärbten. So sahen auch sie ziemlich abstrakt aus: Kompositionen in Blau, Grün, Gelb, Rot. Unfreiwillige Farbensymphonien. O, diese wandelnden Paletten, die gerade ich, die ich mich nach Unauffälligkeit sehnte, verursachen musste!»

Dada und die Frauen
Womit wir beim Thema Frauen wären. Der Dadaistinnen soll im Jubeljahr nämlich besonders gedacht werden. Wie sie Dada mitprägten, wird an ­einer internationalen Konferenz mit Ina Boesch, Historikerin, Ethnologin, Journalistin und Herausgeberin von «Die Dada – Wie Frauen Dada prägten» (Scheidegger & Spiess), nachgegangen (am 12. März 2016). Keine künstlerische Avantgarde sei derart emanzipiert und gleichberechtigt wie Dada, ist der Tenor.
Keine gute Figur in Sachen Gleich­berechtigung machte allerdings der Berliner Raoul Hausmann (1886-1971), der seine langjährige Lebensgefährtin Hannah Höch (1889-1978) als hochkarätige, längst international präsente Dada-Künstlerin sozusagen verleugnete. Sie schaffte es auch ohne ihn, denn sie entwickelte die Collage, eine «Kernkompetenz» von Dada, konsequent weiter.
Sie erfand auch die zeitkritische Fotomontage. Legendär ihr ironischer «Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Bierbauchkulturepoche Deutschlands».
Soeben ist speziell für Emmy Hennings-Ball eine «Liebeserklärung» erschienen: Christa Baumberger und Nicola Bahrmann publizieren Gedichte und Prosatexte von ihr sowie hinreissende Porträtfotografien aus dem Schweizerischen Literaturarchiv der Nationalbibliothek. – Dort, in Bern, wird am 5. März die Ausstellung «Dada original» eröffnet.

«Negertanz» im Museum Rietberg
Von den «Soirées Nègres» im Cabaret Voltaire fühlte sich das Publikum – durchaus beabsichtigt – provoziert. Die Masken von Marcel Janco, aber auch die Kostüme von Sophie Taeuber oder die Collagen von Hannah Höch waren von der Suche nach einer neuen Formensprache und elementaren Lebenswelt geprägt. Materialen, Texte und Musik aus Afrika, Ozeanien, Asien und Amerika dienten als Inspirationsquelle, Dada fungierte als Katalysator bei der Rezeption. Die Ausstellung «Dada Afrika» thematisiert dieses Thema (ab 18. März). Denn das Museum Rietberg besitzt einen bedeutenden Bestand des reformpädagogischen Schweizer Kulturförderers Han Coray (1880-1974). Bürgerlich hiess er Karl Heinrich Ulrich Anton, Han nannte er sich nach der chinesischen Kaiserdynastie. Er war der erste Schweizer Privatsammler afrikanischer Kunst und ein wichtiger Mäzen, Kunsthändler und Förderer der Dada­isten. Im heutigen thailändischen Res­­taurant «Ban Song Thai» an der Kirchgasse 6, neben dem Hotel Altstadt, befand sich in den 1910er-Jahren die antiquarische Buchhandlung des Han Coray. 1917 hatte er einen später als Krimi-Erfinder berühmt gewordenen Gehilfen, Friedrich Glauser.
Womit wir wieder in der Altstadt wären. Wo Dada seinen Anfang nahm.

Esther Scheidegger

Alles über das Dada-Jubiläumsjahr: www.cabaretvoltaire.ch und www.dada100zuerich2016.ch.


« zurück zur Übersicht
Zeitungsabo?
Abonnieren Sie den Altstadt Kurier! [»]

Mitgliedschaft in einem Trägerverein?
Für Mitglieder unserer Trägervereine ist der Altstadt Kurier im Mitgliederbeitrag inbegriffen! [»]

Adresseintrag Marktplatz?
Wünschen Sie einen Eintrag in unserem Verzeichnis "Matktplatz Altstadt"? [»]
Copyright © 2004 Zürich1 / Alle Rechte vorbehalten / info@zuerich1.ch