Weltblatt für den
Kreis 1


«Akte Zwingli – Ein Mysterienspiel»
Zwischen Tanz und Kanonen



Obschon hier in Zürich die 500 Jahre seit Zwinglis Amtsantritt 1519 noch nicht ganz erreicht sind, nehmen die Jubiläumsaktivitäten im Schatten der Festlichkeiten im Gedenken an Martin Luthers Wittenberger Thesenanschlag auch bei uns bereits Fahrt auf. Dazu gehört auch das im Grossmünster zur Aufführung kommende Mysterienspiel.

Kürzlich wurde die Öffentlichkeit von Vertretern des Vereins «500 Jahre Zürcher Reformation» und den für die Durchführung des Ereignisses beauftragten Kuratoren Barbara Weber und Martin Heller über die geplanten, vielfältigen Aktivitäten informiert. Zu den ersten Veranstaltungen zählen die vom 16. bis am 25. Juni im Grossmünster gezeigten Aufführungen des Stücks «Akte Zwingli – Ein Mysterienspiel».
Der Altstadt Kurier traf sich mit dem Verfasser des Librettos, Pfarrer Christoph Sigrist, und dem Regisseur, Volker Hesse, die gemeinsam mit dem Komponisten Hans Jürgen Hufeisen dieses Projekt entwickelt haben, zum Gespräch im Zwinglistübli in der Helferei. Was gab den Anstoss zum Verfassen eines Theaterstücks über Huldrych Zwingli und wie kam es zum engen Zusammenwirken von Pfarrer, Musiker und Bühnenfachmann? Dass zum einen die Auseinandersetzung mit der Person und dem Werk des Zürcher Reformators den Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist seit jeher beschäftigt hat, ist naheliegend. Zum andern hat ihn 2014 die spirituelle Kraft des Miteinanders von Wort und Musik in einem Gottesdienst der deutschen Theologin Margot Kässmann, begleitet von Improvisationen des Flötisten Hans Jürgen Hufeisen, ganz unmittelbar berührt. Das Erlebnis führte zu weiteren Begegnungen mit diesem inspirierenden Musiker, was erste Gedanken an eine gemeinsame Unternehmung im Hinblick auf das Reformationsjubiläum weckte und schliesslich in die Idee des Mysterienspiels mündete, bei dem der Musik eine wichtige Rolle zukommen sollte. Bei der Arbeit am Text des Stücks erkannte Sigrist, dem die Abfassung von sonntäglichen Predigten vertrauter ist als das Konzipieren eines Schauspiels, die Notwendigkeit der Unterstützung durch eine Fachkraft aus den Bereichen Theater und Dramaturgie. Dank einer glücklichen Fügung konnte die Verbindung zu Volker Hesse hergestellt werden, der sich spontan für die Mitarbeit zur Verfügung stellte.

Kraftvolle Persönlichkeit
Hesse gesteht, dass er bisher wenig von Zwingli und dessen Umfeld gekannt habe. Die gängigen Klischees vom schmallippigen und sittenstrengen Puritaner, wie ihn Hans Asper in seinem etwas steifen Porträt darstellte, hätten auch sein Zwinglibild geprägt. Mit dem vertieften Studium entdeckte Hesse dagegen eine kraftvolle Persönlichkeit von fundierter humanistischer Bildung, strahlender Intelligenz und hohem politischem Talent. Dem prallen Leben und den Künsten zugetan, fasziniert ihn Zwingli gerade auch mit seinen spannungsvollen Gegensätzen, Widersprüchen und seiner erstaunlichen Leistung, innerhalb der zwölf Jahre seines Wirkens in Zürich die gesellschaftlichen Verhältnisse der Stadt komplett auf den Kopf gestellt zu haben. Mit diesem Wissen und seiner enormen Bühnenerfahrung machte Hesse sich an die Aufgabe, das von Christoph Sigrist entworfene Libretto zu bearbeiten. Im intensiven Austausch mit dem Autor, in vielen Gesprächen, in denen zum Teil unterschiedliche Ansichten ausdiskutiert werden mussten und die auch gegenseitige Toleranz erforderten, wurde den Figuren des Stücks Schritt für Schritt Leben eingehaucht, für beide Seiten ein Experiment mit häufig offenem Ausgang.

Zwinglis Ehefrau im Zentrum
Was hat das Publikum in den Aufführungen zu erwarten? Übereinstimmend betonen Sigrist und Hesse, dass es ihnen keinesfalls um ein Historiendrama geht, bei dem Zwingli als Mann der Tat und schliesslich doch tragisch untergehender Held überhöht im Zentrum des Geschehens stehen soll. Vielmehr spielt Zwinglis Ehefrau Anna Reinhard die Hauptrolle im Stück. Mit dem Tod des Reformators auf dem Kappeler Schlachtfeld, wo er gevierteilt und verbrannt und seine Asche in alle Winde verstreut wird, ist seine Existenz zwar endgültig ausgelöscht. Dieses brutale Ende ist für seine Witwe aber der Ausgangspunkt, ihr Leben mit ihm im Rückblick zu reflektieren. Der Kunstgriff, Anna Reinhard und deren ureigene Erinnerungen zum Thema des Spiels zu machen, erlaubt manche Freiheit: Da den Quellen über Zwinglis Ehefrau, ausser über ihre bescheidene Herkunft und ihre erste, eigentlich nicht standesgemässe Ehe mit dem Sohn aus einer angesehenen Zürcher Ratsfamilie, recht wenig zu entnehmen ist, konnte sich die Fantasie des Autors umso freier entfalten.

Fiktive Figur
Christoph Sigrist gibt denn auch zu, dass ihm die Quellenarmut genügend schöpferischen Raum zur Schaffung einer fiktiven Figur beschert habe. In seiner Sicht stellt sich Anna Reinhard als selbstbewusste, in gewissem Sinn moderne Frau dar, die mit all ihren Zweifeln, Ängsten und Freuden auch das Potenzial hat, dem Verstorbenen mit kritischem Blick zu begegnen. Über die Darstellung von Anna Reinhard hinaus ist es Volker Hesse ein zentrales Anliegen, im Stück ein vitales Bild der Zeit zu zeigen, in der sich die ungeheuren Umbrüche der Reformation abspielten. Die Vergegenwärtigung einer Epoche, in der Hunger, Armut, Schmerzen, Gewalt, Sterben und Tod für die Menschen hier in Zürich zum stets bedrohlichen Alltag gehörten, in der aber auch sinnliche Freuden und drastische Körperlichkeit viel unverkrampfter ausgelebt wurden, soll die Zuschauer persönlich betroffen machen. Die Leute zum Nachdenken zu bewegen über die in mancher Hinsicht aktuellen Fragen, die das Stück aufwirft, ja sie letztlich selbst zu Akteuren zu machen, ist das erwünschte Ziel der Aufführungen. Mit dieser Absicht spannen die Autoren bewusst den Bogen zu den spätmittelalterlichen Mysterienspielen, die seinerzeit auch in Zürich unter der Teilnahme weiter Bevölkerungskreise aufgeführt wurden.

Siebzig Mitwirkende
Es ist zu hoffen, dass das Mysterium der «Akte Zwingli» auch heute die Zuschauer ergreifen kann. Daraufhin haben in den letzten Monaten insgesamt rund siebzig Mitwirkende hart gearbeitet: In den Hauptrollen agieren professionelle Schauspieler, dazu kommen Artisten, mehrere Gruppen von Laienschauspielern, Kinder und Erwachsene, die sich teilweise aus den Zünften und ehrenwerten Gesellschaften der Stadt sowie aus weiteren Prominentenkreisen rekrutieren, ein Bewegungschor sowie Berufsmusiker im Orchester und im Chor.
Mit den in Grossprojekten wie dem Einsiedler Welttheater, den Altdorfer Tell-Spielen oder der Eröffnungs-Darbietung im Gotthard-Basistunnel gewonnenen Erfahrungen weiss Volker Hesse mit einer derartigen Vielfalt von Mitwirkenden bestens umzugehen. Sie zeugt für ihn auch von den sozialen Dimensionen, welche die «Akte Zwingli» angenommen hat. Die von Hans Jürgen Hufeisen komponierte musikalische Begleitung dient als weiteres zentrales Mittel zur Verkündigung der Aussagen des Stücks. Mittelalterliche Harmonien und Rhythmen, umgesetzt in heutige Klangwelten, mischen sich mit den originalen Kompositionen von Zwinglis Liedern. Damit wird daran erinnert, dass Zwingli selbst mehrere Instrumente beherrschte und die Musik für ihn ein wichtiges Lebenselixier war. Und trotzdem verbannte er sie rigoros aus dem Gottesdienst – ein weiterer spannender Widerspruch in der Person des Reformators, dem nachzugehen sich lohnt.

Matthias Senn

«Akte Zwingli – Ein Mysterienspiel», Aufführungen im Grossmünster am 16., 17., 18., 22., 23., 24. und 25. Juni, jeweils 20.45 Uhr.
Infos unter www.aktezwingli.ch, Vorverkauf über www.starticket.ch.

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