Weltblatt für den
Kreis 1


Quartierläden vor neuen Herausforderungen
Charmant und persönlich



Gerade vor einem Jahr wurde bekannt, dass die Migros an der Mühlegasse eine Filiale plant. Ende dieses Monats wird der neue Laden in der ehemaligen Post eröffnet.

Wie stellen sich die kleinen Quartierläden auf die neue Situation ein? Und worin liegt das Besondere der kleinen Läden? Der Altstadt Kurier hat nachgefragt.

Dass die Poststelle an der Mühlegasse per Ende 2003 aufgehoben wurde, hat rundum Kopfschütteln und verärgerte Reaktionen ausgelöst. Dann stellte sich die Frage, wer wohl der Nachmieter sein würde. Keine leichte Aufgabe für die Pensionskasse des Bundes als Hauseigentümerin, die sich schliesslich für die Migros entschied, ein seriöses und solides Unternehmen. Das Quartier, das sich zuvor mit dem Wegzug des Coops an der Spitalgasse und dem Wegbleiben des Migroswagens abzufinden hatte und die Lücke glücklicherweise wieder füllen konnte, sieht sich plötzlicher Umsorgung, ja Überversorgung gegenübergestellt. Was auch immer den Grossverteiler dazu veranlasste, einen Fuss in die Altstadt zu setzen, viele nahmen mit gemischten Gefühlen Kenntnis davon. Denn wer einen Grossverteiler sucht, wird an jeder Ecke der Altstadt fündig, auf der Bahnhofbrücke, an der Bahnhofstrasse, am Löwenplatz, am Bellevue und am Stadelhofen… Am 26. April, so verkündet ein grosses Plakat an der Mühlegasse, kommt die neue Migros. Wie ist es um die Kleinen, die eingesessenen Detaillisten, bestellt? Worin liegt eigentlich ihre Stärke?

Allenfalls Sortiment anpassen
Der «Chäs-Chäller» an der Niederdorfstrasse 46 bietet neben Käse Lebensmittel aller Art und auch Sandwiches etc., geeignet als Pausenverpflegung für die vielen Leute, die hier arbeiten oder vorbeikommen. Das Ehepaar Herbert und Ursula Müller führt das Geschäft, weiteres Personal können sie sich nicht leisten. Ihr Plus ist sicher die persönliche Bedienung, die sie bieten. Was die neue Konkurrenz betrifft, wollen sie erst einmal die Eröffnung abwarten, um allenfalls mit Anpassungen im Sortiment zu reagieren. Sie rechnen schon mit einer Umsatzeinbusse. Allzu gross darf die aber nicht ausfallen, damit sie noch verkraftbar ist. Und eine Nische, etwas Spezielles halten zu können, das sei schwierig, erklärte Ursula Müller: «Die Grossverteiler stossen sofort nach.»
Felix Eiholzer führt die Drogerie Eiholzer an der Niederdorfstrasse 29, direkt gegenüber der neuen Migros also. Sein Geschäft hat unter dem Rückgang der Passantenströme gelitten, seit der Schliessung der Post. Dementsprechend sieht er der Eröffnung vorsichtig optimistisch entgegen: «Ich hoffe, dass wieder mehr Leute hier durchkommen, dass die Frequenzen zunehmen. Und je nachdem, werde ich das Sortiment anpassen.» Seine Stärke sieht auch er in der persönlichen Beratung: «Wir sind eigentlich ein reiner Beratungsbetrieb.» Nach wie vor hilft auch sein Vater Max im Geschäft aus, mit seinen 85 Jahren! Er kennt seine Kundschaft noch einige Jahrzehnte länger als sein Sohn…

Der Laden als Treffpunkt
Michele di Santo, der den kleinen Laden am Zähringerplatz führt, den «Punto Italiano», sieht sich durch die neue Konkurrenz bedroht und hofft auf die Treue seiner Kundschaft. Viel Italianità verströmt sein Laden, der auch ein Treffpunkt ist. Auf die Qualität seiner Produkte, man bekommt hier auch eine gute Tasse Kaffee, legt der freundliche, vitale Mann aus Neapel grossen Wert. Und um gewappnet zu sein, hat er die Preise für Getränke und Sandwiches bereits gesenkt.
Um die übernächste Ecke gelangt man zum «Läbis 1» an der Brunngasse 6. Petros Nanopoulos war damals der Retter der Quartierversorgung; er hat als damaliger Geschäftsführer des Coops an der Spitalgasse nach dessen Schliessung den Laden der verstorbenen Hanni Schnell am Predigerplatz weitergeführt. Ein Jahr später, 1994, konnte er umziehen an die Brunngasse. Heute führt die Familie Nanopoulos noch den «Läbis 5» im Kreis 5, in der Überbauung Limmatwest. Neben Petros arbeitet seine Frau Fränzi sowie Sohn Philipp im Familienbetrieb, die Tochter Myrtho hilft zwischendurch aus. An der Brunngasse ist ein Sortiment von fünftausend Artikeln zu haben, auf einer Fläche von knapp hundert Quadratmetern. Eine Neuerung ist die Verdoppelung der Bedienungsvitrine. Neben griechischen Spezialitäten findet man hier neuerdings sechzig Sorten Käse im Offenverkauf. Dass der Laden ein Vollsortiment führt, das frisches Brot, Gemüse, Früchte beinhaltet, versteht sich von selbst. Petros Nanopoulos: «Ziel ist die Quartierversorgung, wie schon zu Beginn.» Neben der persönlichen Atmosphäre sind die Hauslieferungen zu erwähnen, die älteren und gehbehinderten Kundinnen und Kunden gratis geboten werden.

Charmant und familiär
Helen Faigle hat ihren Lebensmittelladen am Neumarkt 7 kürzlich etwas aufgefrischt, die Gestelle erneuert, auch im Hinblick auf die neue Konkurrenz mit den günstigen Preisen. Als der Laden deswegen ein paar Tage geschlossen blieb, bot der Neumarkt ein vergleichsweise tristes Bild, und man schätzte den Charme des liebevoll geführten Ladens nachher wieder umso mehr. Das ist es, worauf Helen Faigle, abgesehen von der hervorragenden Qualität ihrer Produkte, zählen kann: Der Charme ihres Ladens und die persönliche Bedienung. Sie vertraut auf eine grosse Stammkundschaft aus dem Quartier und teils von weiter her. Und ist mit vielen per Du, kennt nicht nur die Namen, sondern auch die Wünsche und darüber hinaus die Lebensumstände vieler ihrer Kundinnen und Kunden. Sie ist übrigens zweimal pro Woche frühmorgens am Engrosmarkt anzutreffen: «Es tut mir gut, die Ware selber zu sehen und die Saison zu spüren. So macht es mir richtig Spass.»
An der Stüssihofstatt 10 führen Othmar und Claire Zgraggen mit mehreren Angestellten die Metzgerei Zgraggen, die auch Traiteurgeschäft ist. Im Angebot sind neben Fleisch auch Fisch, Käse, frische Pasta etc. Zgraggens sind stark im Take-Away-Bereich. Täglich locken ganze Menüs und Spezialitäten eine grosse Kundschaft. Othmar Zgraggen: «Wir wollen das Persönliche beibehalten und fördern, statt auf Massenabfertigung zu machen.» So sind denn auch die Stehtischchen zu verstehen, die im Laden und in der warmen Jahreszeit vor dem Laden stehen; es sind auch Getränke erhältlich. Zgraggen weiter: «Man soll sich wohl fühlen in familiärer Atmosphäre.»

Dank der «Ligi»
Der Laden ist übrigens noch wie neu, erst drei Jahre alt, vorher war man am Hirschenplatz. Die städtische Liegenschaftenverwaltung ermöglichte den Weiterbestand des Familienbetriebs in der Altstadt, indem sie die Lokalität an der Stüssihofstatt anbieten konnte. Alle bisher beschriebenen Geschäfte (mit Ausnahme des «Punto Italiano») befinden sich übrigens in städtischen Liegenschaften, und das ist gewiss kein Zufall. Denn bei der Liegenschaftenverwaltung ist man sich der Verantwortung als grösster Liegenschaftenbesitzer der Altstadt bewusst, wie Hugo Stahel von der «Ligi» bestätigte: «Diese Läden sind wichtig für die Quartierversorgung.» Und so zahlen die Geschäfte einen angemessenen, aber nicht den maximal zu erzielenden Mietzins, denn sonst wären sie wohl längst durch Boutiquen ersetzt worden.

Elmar Melliger



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