Weltblatt für den
Kreis 1


Wechsel in der Herberge zur Heimat
Eine Ära geht zu Ende



Auf Anfang Oktober ist Robert Wyss, der langjährige Leiter der Herberge zur Heimat an der Geigergasse, in Pension gegangen. Sein Nachfolger heisst Maurus Wirz.

Er gehört zum Inventar der Originale in der Altstadt wie das Grossmünster mit Karl dem Grossen, unser aller Staatsschreiber Gottfried Keller oder der Blumenladen des legendären Fräulein Maria Binder an der Oberdorfstrasse: Robert Wyss, der Leiter der Herberge zur Heimat an der Geigergasse. Nun geht er, Jahrgang 1945, rüstig in Pension, nach 27 Jahren Totaleinsatz im ältesten und heute einzigen Obdachlosenheim der Innenstadt. Das städtische Pendant gegenüber an der Schipfe wurde längst nach Aussersihl ausgelagert. Robert Wyss ist im Quartier geschätzt und verwurzelt. Er integrierte auch seine Frau Elisabeth und die vier – mittlerweile erwachsenen – Kinder ins Herbergsleben, nicht nur zur Weihnachtszeit.

Herz auf dem rechten Fleck
Die Herberge zur Heimat ist kein städtisches Heim. «Gott sei Dank», wie Wyss zu sagen pflegte, womit er sich quasi auf seinen obersten Dienstherrn berief. Denn Eigentümerin des fünfstöckigen Altstadthauses (mit Dachterrasse!) ist die Evangelische Gesellschaft des Kantons Zürich, sie betreibt die Herberge seit 1866. Gegründet hatte sie, für Handwerksburschen auf Wanderschaft, der Christliche Jünglingsverein im «Augustinerhof», 1885 war sie ins Haus zum Widder gezügelt, das später zum heutigen Luxushotel umgebaut wurde. Robert Wyss ist kein Theologe, kein Sozialromantiker, ein Missionar schon gar nicht und auch kein studierter Sozialarbeiter. Der rastlose Weltverbesserer kann handfest anpacken, er hat Bodenhaftung, wenns sein muss einen ruppigen Umgangston und das Herz auf dem rechten Fleck. Bis 1981 arbeitete er als Bahnbeamter der SBB. Als er in der Herberge anfing und zwei Jahre später die Leitung übernahm, hausten hier 100 Männer in drei Schlafsälen, die einzige Dusche befand sich im Keller. Heute stehen 50 Betten in 36 Einzel- und 7 Doppelzimmern. Duschen kann man auf jeder Etage. Es gibt eine hauseigene Coiffeuse, am Geburtstag bekommt man ein Geschenk, wenn man erst nach Mitternacht heimkommt, muss man klingeln oder draussen schlafen. Die Bewohner zahlen pro Tag zwischen 75 Franken (Halbpension, Zweierzimmer) und 100 Franken (Vollpension, Einerzimmer). Die meisten Bewohner sind IV- oder AHV-Rentner. Patenter, geschätzter Heimarzt ist seit 1985 Andreas Roose, der auch die Heimkommission präsidiert.

Lebensqualität verbessert
Stets war es das erklärte Ziel von Robert Wyss, seinen Betrieb so zu führen, dass er sich notfalls auch selber als Gast daheim fühlen könnte. Er liess nichts unversucht, die Lebensqualität der Bewohner zu verbessern, die Herberge zu modernisieren. Seit 1996 verfügt das Haus über ein Behindertenbad, seit 2000 ist der Lift rollstuhlgängig, die Dachterrasse wurde vor kurzem mit einer neuen Treppe erschlossen, vergrössert und heisst neu Robert-Wyss-Platz. Längst gibt es nicht mehr nur Suppe und ein Stück Brot, sondern eine überdurchschnittlich gute Küche. Alkohol und Drogen sind in der Herberge verboten, Rauchen erlaubt. Stirbt ein Bewohner, findet die Abdankung meistens in der Zwölfbotenkapelle des Grossmünsters statt. Pfarrer Christoph Sigrist verabschiedete den scheidenden Herbergsvater gar kollegial von der Kanzel aus.
Robert Wyss war überzeugt, dass «seine Männer ein Stück weit unsere bürgerlichen Träume leben, zum Beispiel an einem schönen Tag nicht chrampfe, sondern fischen gehen…». Wenn sie es nicht vorziehen, auf dem nahen Hechtplatz an der Sonne zu sitzen. An der bewegend familiären Abschiedsfeier im Gastraum fehlte übrigens keiner der Bewohner, das war Ehrensache. Man verabschiedete sich mit einem persönlichen Händedruck, von Mann zu Mann.

Esther Scheidegger


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