Weltblatt für den
Kreis 1


Die Migros zieht an die Mühlegasse
Auf Gelb folgt Orange



Was im Quartier seit längerem ein offenes Geheimnis war, ist jetzt offiziell: die Migros zieht ins ehemalige Postgebäude an der Mühlegasse.

Schon seit geraumer Zeit kursiert das Gerücht, die Migros wolle an der Mühlegasse einen Laden eröffnen. Genaueres war nicht bekannt, nähere Informationen waren nicht zu haben. Nun ist es offiziell: Mit einer Pressemitteilung ist die Migros an die Öffentlichkeit gelangt, und am 30. April war das Bauprojekt im Tagblatt ausgeschrieben, eine Baubewilligung liegt noch nicht vor.

Gibt es nun einen Laden oder ein Restaurant? Beides. In der früheren Schalterhalle der Post ist ein Take-Away (mit Pizza, Snacks etc.) geplant, für die schnelle Verpflegung, und eine Kaffee-Bar mit fünfzig Plätzen.

Der heutige Eingang wird um die Ecke verlegt, an die Niederdorfstrasse. Von dort führt dann also eine Treppe hoch zum Verpflegungsbereich sowie eine Treppe runter in den Laden, wo sich heute eine Wäscherei befindet.

«Es soll ein moderner Laden werden», gab eine Migros-Sprecherin auf Anfrage Auskunft. «Vergleichbar etwa dem Laden im Kreis 5, im Puls 5.»

Das Angebot an diesem gut frequentierten Standort inmitten der Altstadt soll auf den kleinen schnellen Einkauf ausgerichtet sein und ein frisches Schnell-Imbiss-Angebot umfassen. Das Food-Angebot und ein hoher Anteil an Convenience-Produkten, also für die rasche und bequeme Zubereitung (etwa im Mikrowellenofen) gedacht, soll die hier wohnende und arbeitende Bevölkerung wie auch Touristen ansprechen, war weiter zu erfahren. Da es sich um eine Kleinfiliale handelt, sieht die Migros darin weniger eine Konkurrenzierung als eine Ergänzung der bestehenden Detaillisten. Andernorts hätten Detaillisten in der näheren Umgebung einer neuen Migros wegen der grösseren Passantenströme gar an Umsatz zulegen können.


Wie reagieren die Betroffenen auf die Pläne der Migros?
Martin Brogli, Präsident des Quartiervereins Zürich 1 rechts der Limmat, sieht Vor- und Nachteile: «Zum einen ist es gut, wenn hier ein seriöses Geschäft einzieht. Zum andern habe ich Bedenken, dass unsere Quartierläden leiden. Für bisherige Migros-Kunden ist es natürlich ein Vorteil, wenn der Laden in die Nähe rückt. Es ist wichtig, dass die kleinen Läden erhalten bleiben, dass keiner aufhören muss! Diese Läden bieten Qualität und sind wichtige Treffpunkte im Quartier.»

Ursula Müller, die mit ihrem Mann Herbert ganz in der Nähe, an der Niederdorfstrasse 46, den «Chäs-Chäller» führt, fasst ihre Einschätzung der neuen Lage mit einem Wort zusammen: «Existenzbedrohend!» Ihr Laden leidet bereits unter einem rezessionsbedingten Umsatzrückgang. Die Leute kaufen nur noch kleine Mengen. Und Angestellte können sich die beiden ohnehin nicht leisten. Hier verträgt es keinen weiteren Aderlass.

Michele Di Santo vom «Punto Italiano» am Zähringerplatz ist zunächst enttäuscht über die in der Presse gelesene Aussage, dass Leute aus dem Quartier sich hier eine Migros wünschen. Das kann er sich fast nicht vorstellen, er, der tagtäglich mit viel Liebe seine Qualitätssandwiches zubereitet und immer einen Pulk Leute im und vor dem Laden hat: «Mal sehen, was kommt. Ich hoffe, dass die Leute das hier wollen. – Sonst muss ich schliessen und umziehen.»

Helen Faigle vom Lebensmittelladen am Neumarkt 7 reagierte erschüttert auf die Nachricht und darauf, dass der Wunsch nach einer Migros aus dem Quartier stamme: «Wenn das Quartier das wünscht, können wir ja zumachen… – Wir müssen die Auswirkungen abwarten. Sicher haben Läden wie der meine eine Kundschaft, die genau das sucht. Aber die Kasse muss eben irgendwie auch noch stimmen.»

Othmar Zgraggen von der Metzgerei an der Stüssihofstatt, ein Familienbetrieb, hofft, dass es für sein Geschäft nicht so schlimm wird: «Wir machen auf bürgerlich und verarbeiten einen Grossteil unserer Produkte selbst. Das entspricht einem Bedürfnis. Ich bin nicht begeistert, aber auch nicht verzweifelt.»

Ein weiterer Familienbetrieb ist an der Brunngasse, der «Läbis 1». Petros Nanopoulos befürchtet einschneidende Auswirkungen: «Da können die Kleinen nicht Schritt halten.» Umsatzeinbussen von etwa zehn Prozent musste er bei seinem anderen Laden, dem «Läbis 5» im Kreis 5 hinnehmen, als die Migros in einiger Entfernung den «Puls 5» eröffnete. Und nun das, direkt vor der Haustür fast, an besserer Passantenlage als das die Brunngasse ist: «Ein Gigant, der Kleine kaputt macht, alle werden verlieren.» Dass sich «das Quartier» einen Migrosladen wünscht, mag er nicht glauben.
Klar werden die Migrosläden am Stadelhofen und am Löwenplatz wie auch andere Grossverteiler durchaus von KundInnen aus der Altstadt frequentiert, für die ganzen Einkäufe oder für Teile davon. Doch die Migros liesse sich kaum durch Stimmen aus einem Quartier zu ihren Entscheiden leiten. Da stehen Marktanalysen, steht harte Kalkulation dahinter. Hier sind grosse Passantenströme abzuholen, hier sind die nahen Hochschulen etc.
Petros Nanopoulos kennt die Thematik noch aus anderer Perspektive. Er war Geschäftsführer beim Coop an der Spitalgasse, als dieser Laden, weil zu klein, geschlossen wurde. Das war im Jahr 1993. Der Quartierverein trat an ihn heran mit der Bitte, einen Quartierladen aufmachen, um die Versorgung und die Wohnqualität zu sichern. Mit einer Petition gelangte man an die städtische Liegenschaftenverwaltung und fand Gehör. Als dann Hanni Schnell, die am Predigerplatz einen Lebensmittelladen führte, überraschend verstarb, übernahm Petros Nanopoulos ihr Geschäft. Später konnte er den grösseren Laden an der Brunngasse 6 eröffnen.

Felix Eiholzer von der Drogerie an der Niederdorfstrasse 79, direkt gegenüber der künftigen Migros, blickt den Veränderungen zuversichtlich entgegen: «Seit die Post weg ist, läuft vor allem am Morgen viel weniger. – Vielleicht werde ich das Sortiment etwas anpassen müssen, aber es ist besser als wenn dort gar nichts reinkäme.»

Angelo Pfister ist Co-Präsident der Geschäftsvereinigung Limmatquai/Dörfli und hat in der Nähe mehrere Gastronomiebetriebe: «Es ist schlecht für die kleinen Läden, aber man kann es nicht verhindern, so will das die Gewerbefreiheit. Wir haben aber bald zu viele Verpflegungsstätten. Eigentlich ist die Abdeckung mit einem Angebot an Grundnahrungsmitteln etc. hier gegeben, es bräuchte nichts Zusätzliches.» Und er spricht etwas für viele Wichtiges an: «Jetzt zählt die Solidarität jedes einzelnen, dass man halt weiterhin bei den altbewährten und guten Läden einkauft. Dass man nicht wechselt, bloss weil es vielleicht etwas billiger ist, sondern treu bleibt.

Elmar Melliger


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